Meine Mutter wollte mir nie die Wahrheit über mein Leben erzählen. Ohne meine Großmütter vom Dorf hä…

Meine Mutter wollte mir nie die Geschichte meines Lebens mitteilen. Ohne meine Großmütter vom Land hätte ich vermutlich nie erfahren, dass meine Mutter gar nicht meine leibliche Mutter ist und mein Vater selbst ein uneheliches Kind war.

Mein Vater heiratete damals eine Frau aus der Stadt, die gar keine Kinder wollte. Als ich geboren wurde, musste mein Vater mich zu seiner Familie aufs Land bringen. Zuerst wuchs ich in der Familie seiner Schwester bei meinen Cousins auf, aber als ich etwa fünf war (ehrlich gesagt erinnere ich mich an diese Zeit kaum), trennte sich mein Vater von seiner Frau und zog ebenfalls aufs Land. Dort lernte er Barbara kennen, meine liebevollste und wahrhaftigste Mutter, die mich großgezogen und bis heute begleitet hat. Sie heirateten, weil sonst niemand sie wollte, und auch ihre Eltern wünschten sich, dass sie schnell unter die Haube kommt. Dass es mich bereits gab, kümmerte sie überhaupt nicht.

So lebte ich also jahrelang im Glauben, Barbara sei meine Mutter; nur warum ich anfangs bei der Tante wohnte, blieb für mich ein Mysterium. Am Anfang dachten meine Freunde, es sei einfach deshalb, weil meine Eltern damals so viel arbeiteten viele Eltern waren derart in ihren Jobs eingespannt, dass die jüngeren Kinder quasi vom älteren Nachwuchs mitbetreut wurden.

Als ich zehn wurde, verließ mein Vater unsere Familie und heiratete zum dritten Mal diesmal in eine Gegend weit weg von unserem Dorf. Genau in jener Zeit begannen meine Oma und die Nachbarinnen zu tuscheln, sie versuchten sich zu erinnern, wer mein Vater war, womit er sich beschäftigte und wessen Kind ich eigentlich sei.

Damals habe ich das alles noch nicht wirklich verstanden, aber spätestens nachdem ich mit zehn, zwölf, fünfzehn und schließlich siebzehn Jahren diese Geschichten immer wieder hörte, dämmerte mir: Barbara ist nicht meine leibliche Mutter, mein Vater hat mich im Stich gelassen und meine wahre Mutter werde ich wohl nie finden. Nach meinem Vater sehne ich mich nicht. Natürlich verspüre ich manchmal Traurigkeit, aber jetzt bin ich neunzehn, ein erwachsener Mann, arbeite im Sägewerk und habe einfach keine Zeit, denen nachzutrauern, die mich verlassen haben. Das Wichtigste ist, dass meine Mutter bei mir ist, alles für mich tut und ich für sie alles gebe. Diese verworrene Vergangenheit lässt mich heute die Zukunft mit anderen Augen sehen. Sie macht mir klar, was für ein Mensch ich einmal sein möchte und auf keinen Fall werden darf. Welche Fehler ich vermeiden muss, weiß ich jetzt ganz genau.

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