Sogar seinen engsten Freunden erschien Max immer als unzuverlässiger und verantwortungsloser Typ, zu…

Seltsam fließende Straßen, wie aus Zucker, zogen sich durch München in dieser Nacht, und ich erinnere mich, wie wir eine Gruppe von Männern, allesamt untätig und seltsam gewichtslos widersprüchlich über Max sprachen. Selbst seinen engsten Freunden erschien er als jemand, dem man nicht einmal einen Schlüssel anvertrauen würde, aus Angst, er verwandelte ihn in einen Löffel. Viel zu unbekümmert, viel zu sprunghaft als müsste sein Leben erst durch die Lüfte treiben wie ein Ballon, der noch keinen Halt gefunden hat.

Doch wie in einem Traum, unerwartet, war Max der Erste, der heiratete. Seine Frau, zufällig getauft auf den Namen Brigitte ein Name so typisch deutsch, dass er klingt wie die Morgendämmerung schien von Anfang an voller Zuneigung, bereit, für Max alles zu tun. Sie versorgte ihn, kochte ihm Eintöpfe, kaufte ihm seltsam glänzende Hemden. Manchmal arbeitete Max monatelang nicht, doch Brigitte machte keine Szene, sondern zahlte alles von ihrer Gehaltsabrechnung, in Euro natürlich sie verwöhnte ihn, wie ich denke, eigentlich Männer Frauen verwöhnen sollten: Abendessen im Biergarten, teure, vertrackte Dates im Dachgeschoss eines Museums, Wochenendausflüge nach Nürnberg oder Regensburg.

Später, als Max doch einen Job fand, hatte er nie das Bedürfnis, Geld für Brigitte auszugeben; sie konnte sich selbst versorgen. Er fand stattdessen eine junge Frau niemand wusste, wie sie im Traum hieß, vielleicht Fräulein Edeltraud und begann, sein Geld in ihre Taschen gleiten zu lassen, wie Regentropfen auf Asphalt. Ich, sein bester Freund, wusste davon, doch Missbilligung blieb stumm wie ein Schatten.

Das ist keine Affäre, sie ist wie eine Tochter, fast wie eine Schwester, murmelte Max anfangs mit verqueren Worten. Immer wieder betonte er in unserem trüben Freundeskreis, sie sei nicht seine Geliebte, erwähnte sie bei jedem Treffen und dann, wie von Traumlogik gesteuert, wurde es still. Als einer der Freunde zaghaft fragte, wie es seiner Geliebten gehe und ob alles vorbei sei, antwortete Max mit einem Auge, das wie ein geheimnisvoller See glänzte: Glück liebt die Stille.

Zu diesem Zeitpunkt fühlte ich, dass die Sache zwischen ihnen ernster wurde, aber erst als Brigittes Blicke die Wahrheit erfassen konnten, wusste ich, wie seltsam alles von außen wirkte. Die Arbeit wurde zum endlosen Tunnel für Brigitte, Ende jedes Quartals bedeutete spät heimkehren, und Max nutzte die Leere des Hauses: Die Geliebte kam regelmäßig vorbei, manchmal schlenderten sie durch Viertel, in denen Max sowohl mit Brigitte als auch Edeltraud umherging und die Passanten, die die Straßen vermutlich aus Brotteig formten, bemerkten alles.

Eine Nachbarin, deren Gesicht die Form einer Brezel hatte, erkannte Max und erzählte Brigitte von seinen Spaziergängen immer mit der jungen Fremden, die nach Hause begleitet wurde wie ein verloren gegangener Hund.

Brigitte nahm sich eines Tages kurzfristig frei, verschwieg es Max und wollte sie im Haus ertappen. Aber der Traum verschob alles, und so traf sie sie in einem Supermarkt, dessen Regale sich wie Spiegellabyrinthe um sie schlangen. Wut, die wie Gewitter über Bayern rollte; Brigitte warf eine Flasche Milch auf Max, schleuderte Eier auf die Geliebte, und verschwand, während sie beide zahlen ließ Euro klimperten, als wären sie plötzlich Kieselsteine aus den Taschen.

Zuhause warteten einige Koffer auf Max, als hätte sich die Wohnung selbst ausgeräumt. Sie wollte kein einziges Wort hören, kühlte selbst nach einer Woche nicht ab; egal wie oft Max an ihre Tür klopfte wie ein naiver Wind. Jetzt lebt Max vorübergehend in einem Münchner Hostel, hofft, dass das Gericht das Apartment teilt, damit ihm genug Euro bleiben, um eine eigene Tür zu haben.

Max hat nichts gelernt; der Verlust von Brigitte schreckt ihn nicht, das Supermarkt-Spektakel amüsiert ihn. Jetzt kann sie da nicht mehr einkaufen, lacht Max, als würde er sich selbst Mut zusprechen. Soll sies versuchen alle erinnern sich an sie, als wäre sie eine Figur aus einem alten deutschen Märchen…Aber in der Stadt mit ihren Zuckergassen und brotigen Straßen, wo Erinnerungen wie Münzen geklingelt werden und verräterische Brezeln Gesichter tragen, sind Veränderungen leise und unerbittlich. Im Hostel, unter fremden Decken, mit abgenutztem Schlüssel, beginnt Max zu begreifen, dass Glück nicht in Hemden oder Geliebten wohnt, sondern sich manchmal nur im Schatten einer Milchflasche zeigt, die den Boden wie weiße Träume besprenkelt.

Als er eines Morgens zum Fenster hinausblickt, sieht er das Licht über München aufgehen: Ein Himmel, so klar, als hätte Brigitte ihn einmal für ihn koloriert. Die Straßen sind nicht mehr aus Zucker, sondern aus Vergebung gebaut steil, aber tragfähig. Und Max, fast schwerelos, spürt zum ersten Mal das Gewicht seines eigenen Herzens, als hätte er einen Schlüssel gefunden, der nicht zum Schloss, sondern vielleicht zu einem Löffel gehört: Gut zum Umrühren, wenn das Leben wieder nach einem neuen Geschmack verlangt.

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