Meine Kollegin versuchte mir ständig ihre Berichte unterzuschieben. Also leitete ich ihre Bitte kurzerhand an unseren Chef weiter: Bitte helfen Sie Annika, sie kommt mit den Aufgaben nicht mehr zurecht.
Annika ist vor etwa anderthalb Jahren in unser Team gekommen. Eine freundliche, ordentliche Frau zwei Kinder, stets bemüht, ihren Alltag und den Job unter einen Hut zu bringen. Anfangs wirkten ihre Bitten harmlos: Ach Mensch, ich hänge noch beim Hausarzt fest, kannst du kurz für mich ans Telefon gehen? oder Muss die Kleine heute früher aus der Kita holen, kannst du bitte eben meinen Bericht hochladen? Das dauert nur einen Klick. In unserem Team wird Zusammenhalt großgeschrieben, also fand ich es zunächst richtig, ihr zu helfen.
Doch wie das immer so ist: Zwischen hilfsbereitem Teamgeist und einer Dauerlösung, bei der man ungefragt für andere schuftet, gibts eine hauchdünne Grenze. Nach ein paar Monaten merkte ich, dass sich die nur ein Knopfdruck-Aktionen langsam in proper ausformulierte Aufgabenblöcke verwandelten. Annika schickte mir gegen fünf noch Nachrichten: Du bist ja sowieso bis sechs da, mein Kleiner ist krank. Psychologisch gesehen war das ein Lehrbuchfall: Schuldgefühle werden ausgenutzt, und der soziale Reflex, Eltern stets zu entlasten, tut sein Übriges. Besonders hierzulande ist die Rolle der Mutter ja heilig das weiß in Deutschland jedes Stammtischgesicht. Auf dieser Welle ritt Annika eine ganze Weile, bis ich irgendwann merkte, dass mein eigenes Energie-Bierglas langsam leer war.
Annika baute sich ein Image als dauergehetzte Superheldin auf, die Haushalt, Kinder und Job meisterhaft jongliert. Die harten Fakten waren allerdings: Wir verdienten das gleiche, der einzige Unterschied meine Feierabende blieben meine, während sich ihre unerledigten Aufgaben munter bei mir stapelten. Als ich einmal zaghaft ablehnte und meine Auslastung anführte, bekam ich prompt die Keule zu spüren: Du hast ja keine Kinder, du verstehst das alles nicht! Bei mir will jeder ein Stück. Das ist der Klassiker: Die emotionale Falle, man würde ja gar nicht richtig gestresst sein schließlich habe man ohne Kind ja keine echten Probleme!
Dann kam das große Finale: Quartalsabschluss, die Mutter aller Tabellen. Kurz vor Feierabend, um 16:45 Uhr, ploppte eine Mail von Annika auf: Rohdaten und der Text: Der Laternenumzug im Kindergarten wurde verschoben, ich muss los! Mach das bitte fertig, du bist da doch ne Koryphäe, dauert bei dir eh nur 15 Minuten. Dafür bekommst du morgen auch ein Stück Kuchen. Da wusste ich: Wenn ich jetzt ja sage, hänge ich die nächsten Monate jeden Abend für sie in der Firma. Ein direktes Nein hätte eine Lawine aus Trotz und Tuscheln ausgelöst, also wählte ich Plan B das Ganze aus dem Gefallen für eine Freundin zur offiziellen Arbeitssache umerklären.
Ich habe keinen Wutanfall per E-Mail losgelassen. Stattdessen leitete ich ihre Nachricht einfach weiter an unseren Abteilungsleiter, Herr Schröder, mit folgendem Text: Guten Tag, Herr Schröder. Ich leite Ihnen die Mail von Annika weiter. Aufgrund ihrer familiären Situation ist sie dazu gezwungen, Aufgaben an Kollegen abzugeben und schafft ihr Pensum regelmäßig nicht allein. Vielleicht könnten Sie ihren Arbeitsumfang überdenken oder gegebenenfalls eine Teilzeitregelung anbieten, damit sie sich ihrer Familie widmen kann ohne unseren Berichtswust an den Kolleginnen abzulassen. Ich selbst bin heute komplett ausgelastet und kann ihren Aufgabenblock nicht übernehmen, ohne meine eigenen Arbeiten zu vernachlässigen.
Auf Senden zu klicken, kostete Nerven: Petzen kommt nie gut, dachte ich. Jetzt werden mich alle hassen. Aber ehrlich ich hatte die Faxen dicke, ständig Feuerlöscher für jemand anderen zu spielen.
Die Reaktion kam prompt. Herr Schröder hatte bis dahin gar nicht gewusst, dass ich Annika dauernd den Rücken frei hielt für ihn lief alles glatt. Am nächsten Morgen wurde Annika ins Büro gebeten. Was da genau besprochen wurde, weiß ich nicht, aber sie kam sichtbar betreten und ziemlich wortkarg wieder raus. Seitdem gabs von ihr keine Anfragen mehr nach dem Motto: Kannst du noch eben schnell?
Jetzt sagen viele: Man muss doch Verständnis haben Kinder sind schließlich das Wertvollste. Klar aber ständige Hilfsbereitschaft auf Kosten der anderen ist eben Ausnutzen, kein Nächstenliebe. Wer wirklich Schwierigkeiten hat, sucht das Gespräch mit der Leitung und bittet um Homeoffice, Teilzeit oder Urlaub. Die anderen ungefragt zu belasten, während man bei der nächsten Runde Kinder-Kaffee-Klatsch erzählt, wie kollegial es im Team läuft naja.
Ich hatte kein Bedürfnis nach Rache: Es ging einfach darum, mal höflich aber bestimmt eine Grenze zu ziehen. In der Arbeitswelt gilt: Wer regelmäßig für andere deren Arbeit macht, darf sich nicht wundern, dass er zur Dauerlösung wird. Der Annika-Strom von Zusatzaufgaben versiegte rasch, das Klima ist jetzt höflich und sachlich, und der Laden läuft wie eh und je. Und siehe da Annika kann doch alleine, wenn sie will.