Vergeltung
Hallo zusammen! Karl, Marias großer Bruder, platzte in die Wohnung. Darf ich vorstellen: meine Stefanie!
Maria drehte sich zu Stefanie und zwang sich zu einem Lächeln, obwohl sie innerlich wieder einmal am liebsten gerufen hätte:
Wo findet er die nur immer? Diese Stefanies, Annikas, Tamaras und Viktorias?!
Ihr Bruder war ein stattlicher, charmanter Typ: groß, gutaussehend, humorvoll, der Mittelpunkt jeder Runde. Immer scharten sich Scharen von Mädchen um ihn. Manchmal waren solche Schönheiten dabei, dass selbst Maria ein bisschen neidisch wurde. Doch Karl holte sich stets die unauffälligsten heraus. Warum bloß?! Das wollte und konnte Maria einfach nicht verstehen.
Einmal sprach sie Karl direkt darauf an. Er schnippte ihr nur auf die Nase und sagte, sie habe halt einfach keine Ahnung. Auch ihre Mutter versuchte sie auszuquetschen aber die wiegelte nur ab: Ach, das ist halt sein Geschmack. Pah, Geschmack, dachte Maria nur. So ein Quatsch. Sie wusste doch genau, wie er hübschen Mädchen hinterherschielte. Die wählte er nie als brauche er diese anderen nur, um sich besser zu fühlen.
Na, das ist doch klar, schüttelte ihre Freundin Lisa den Kopf, als Maria ihr ihr Leid klagte. Die sind für ihn das Rundum-sorglos-Paket. Kochen, waschen, und er kann machen, was er will sie nehmen es hin und warten brav mit Schnitzel, Klößen und gebügeltem Hemd, bis er heimkommt.
Maria musste nachdenken.
Meinetwegen, murmelte sie. Aber weshalb hält er dann nicht wenigstens eine davon? Warum wechseln die alle paar Monate?
Tja, da bin ich auch überfragt, zuckte Lisa die Schultern.
Maria kam zu dem Schluss, dass sie ihren Bruder vielleicht nie begreifen würde.
…
Zu Marias Überraschung mochte sie Stefanie. Die war ganz anders als die vorherigen Freundinnen von Karl. Sympathisch, witzig, mit einem brillanten Sinn für Ironie.
Endlich mal eine normale Frau!, dachte Maria glücklich. Die wird er bestimmt heiraten!
Danach rief ihre Mutter zum Mittagessen, und später gingen Karl und Stefanie wieder los. Maria wollte ihrer Mutter direkt sagen, dass Stefanie klasse war und sie gerne hätte, dass zwischen ihr und Karl alles klappt. Doch bis zur Küche kam sie gar nicht.
Ich hoffe, er heiratet jetzt endlich mal und verlässt unser Hotel Mama. Der Junge arbeitet ja nicht einen Tag lebt nur auf unsere Kosten!, hörte sie den Vater meckern. Wo haben wir bloß bei seiner Erziehung versagt?
Ich weiß auch nicht …, murmelte die Mutter. Er meinte, ihre Eltern seien wohlhabend, hat eine eigene Wohnung, einen guten Job. Es wäre ja nicht schlecht, wenn sie ihn unterbringen könnte.
Stille dann folgte ein tiefer Seufzer:
Ich mag auch langsam nicht mehr, dass er uns auf der Tasche liegt …
Jetzt begriff Maria. Ganz einfach, glasklar! Karl suchte sich nicht nur Freundinnen, die sich über seine Aufmerksamkeit freuten sondern vor allem solche, wo das elterliche Portemonnaie immer offen stand. Jede neue Freundin toppte die vorige, und Stefanie schien das Hauptlos zu sein, mit eigener Wohnung und Top-Position.
Wie falsch das war! Wie gemein! Wie ekelhaft!
Maria tat Stefanie plötzlich leid, und sie wurde sauer richtig sauer.
…
Die Affäre zwischen Karl und Stefanie nahm Fahrt auf. Karl überschüttete sie mit Geschenken teuren Geschenken, versteht sich. Das Geld dafür kam wie immer von den Eltern. Die protestierten zwar und versuchten ein paarmal, ihm den Hahn abzudrehen aber Karl überredete sie jedes Mal, dass sie doch wieder nachgaben. Die Stimmung wurde zunehmend gereizt. Wenn wieder mal die Fetzen flogen, flüchtete Maria zu Lisa.
Sag mal, Maria warum macht dein Bruder Stefanie eigentlich keinen Antrag?, fragte Lisa.
Maria zuckte nur die Schultern.
Keine Ahnung. Findet er wohl zu früh …
Ich weiß ja nicht … ich würd ja Gas geben an seiner Stelle. Wer weiß, wann Stefanie rausfindet, wie er wirklich tickt und dann ist Schluss. Deine Eltern haben doch schon so viel investiert! Wahnsinn!
Maria musste ihr recht geben.
Stimmt schon, warum zögert er das eigentlich raus?, ging es ihr jetzt auch durch den Kopf.
…
Eines Tages passierte es dann tatsächlich: Karl machte Stefanie einen Antrag, und sie nahm an. Die ganze Familie jubelte. Nur, geändert hatte sich dadurch eigentlich nichts. Die Hochzeit war für das Frühjahr angesetzt und bis dahin zog Karl weiter das Geld aus den Eltern. Die Streitereien wurden nicht weniger. Dann verschoben sie die Hochzeit auf den Sommer und dann auf den Herbst.
Glaubst du, dass er Stefanie wirklich heiraten wird? Irgendwie kommt mir das alles faul vor, überlegte Lisa bei einem ihrer Kaffeetreffen laut.
Maria schwieg. Sie war schon furchtbar müde von der ewigen Hängepartie. Selbst sie die ja eigentlich nichts damit zu tun hatte hätte gern gehabt, dass das ganze Theater endlich vorbei wäre. Sollte Karl doch endlich heiraten oder Stefanie in Ruhe lassen!
…
Eines Abends, als Maria nach Hause kam, schallte ihr wieder wildes Geschrei entgegen. Diesmal blieb sie einfach, stellte sich in die Tür und hörte zu.
Kaum betrat sie das Zimmer, verstummten die Rufe.
Maria, bist du schon da?, fragte die Mutter bemüht freundlich.
Maria nickte. Ihren Blick ließ sie fest auf ihrem Bruder ruhen.
Du nervst alle! schoss sie los. Anstatt mal arbeiten zu gehen und deiner Stefanie selbst Geschenke zu kaufen, stürzt du unsere Eltern ins Minus!
Ich zahls ja zurück …
Wie denn? Wenn ihr heiratet, glaubst du, Stefanie nimmt das einfach hin, dass du nichts auf die Reihe kriegst?? Die setzt dich doch schneller auf die Straße, als du Miete sagen kannst!
Die ist verrückt nach mir. Du hast doch keine Ahnung von Frauen!
Im Gegensatz zu dir schon ich BIN nämlich eine. Eltern, wie haltet ihr ihn aus? Schmeißt ihn raus!
Tochter … aber …, versuchte die Mutter einzuwenden.
Kein Aber! Habt ihr immer noch nicht gemerkt, dass er euch nur ausnutzt?
Und Maria redete weiter und weiter …
Dann bemerkte sie, dass ihr Vater den Raum verlassen hatte. Nach fünf Minuten kam er mit einem Umschlag zurück.
Maria! Maria!, rief er, um sie aus dem Redeschwall zu reißen.
Sie blickte ihn an.
Hier, das ist für dich. War gerade vom Boten gebracht worden.
Mechanisch nahm Maria den Umschlag und ging damit auf ihr Zimmer.
Danke, sagte sie und schickte ihrem Bruder noch einen finsteren Blick. Eigentlich hätte sie ihm noch viel mehr sagen können, aber jetzt war die Luft raus.
…
Maria betrachtete ratlos den versiegelten Umschlag. Kein Absender, kein Hinweis.
Ob der wirklich für mich ist?, schoss es ihr durch den Kopf.
Natürlich der Vater hatte es doch gesagt Aber was, wenn nicht?
Sie seufzte und öffnete den Umschlag.
Drin steckte nur ein Theater-Ticket. Für heute. Für eine Person.
Noch verwunderter drehte sie das Ticket hin und her.
Wer kann das bitte sein? Wer lädt mich ins Theater ein?
Sie lief im Zimmer auf und ab und wartete auf eine Eingebung. Nichts.
Blieb wohl nichts anderes übrig, als sich für den Abend vorzubereiten.
…
Vor dem Theater stand Maria dann viel zu früh. Sie tat so, als warte sie auf jemanden und scannte die Menge.
Das ist die neue Inszenierung der Spielzeit!, schwärmten Leute um sie herum.
Alle wirkten beschwingt, aber niemand kam ihr bekannt vor.
Die erste Glocke läutete, dann die zweite Maria gab ihre Jacke ab und nahm Platz im Saal. Sie musterte rechts und links die Nachbarn: lauter Fremde.
Wer schickt mir ein Ticket, und vor allem warum?, fragte sich Maria.
Dann ging es los.
Maria spähte zur Bühne, war aber mehr mit Grübeln beschäftigt.
Bis sie plötzlich glaubte, dort vorne eine Frau zu entdecken, die Stefanie verblüffend ähnlich sah. Als sie anfing zu sprechen, schnallte Maria: Das IST sie!
So verging erst der erste, dann der zweite Akt.
Am Ende donnernder Applaus, Zugaben, allmählich löste sich der Saal auf.
Und jetzt?, grübelte Maria.
Als es fast leer war, stand sie auf, wollte hinaus und wurde von einer Frau angesprochen.
Fräulein, Frau Oksana Müller möchte Sie sprechen. Kommen Sie mit, ich führe Sie hin.
Maria nickte und folgte ihr.
…
Hey Maria!, erschallte eine fröhliche Stimme.
Tatsächlich Stefanie, oder war es doch Oksana? Außerdem hübsch war sie! Ganz und gar nicht wie der graue Mauerblümchen-Eindruck, den Maria zuerst hatte.
Hi! Stefanie oder Oksana?, fragte Maria.
Eigentlich Oksana, lächelte die Frau.
Und was ist mit dem Bankjob und den reichen Eltern?!
Tja das war alles Show, schmunzelte Oksana.
Was für eine Inszenierung ist das alles eigentlich?, wunderte sich Maria.
Ganz einfach: Dein Bruder hat meine Freundin übel behandelt. Sie bat mich, diesen Part zu spielen: zurückhaltend, unsexy aber angeblich mit Haufen Geld. Karl ist sofort angesprungen, ließ die Alte fallen und kümmerte sich nur noch um mich. Ich hab ihm halt etwas was vorgespielt das war alles.
Ach du liebe Zeit, lachte Maria gequält. Die Rechnungen ihrer Eltern fielen ihr ein. Das heißt, es wird gar keine Hochzeit? Deine Freundin hat sich so schön dafür gerächt?
Oksana schüttelte den Kopf:
Natürlich nicht! Ich trenn mich die Tage von ihm. Ein Lerneffekt für ihn. Und meine Freundin? Die hat er nicht nur verlassen. Er hat sie richtig runtergemacht, meinte, sie habe ihm nie gefallen, er brauche nur ihr Geld.
Maria wurde ganz flau im Magen.
Mama kriegt sicher einen Herzinfarkt!, dachte sie.
Vielleicht helfen deine Eltern ihm ja jetzt mal auf die Sprünge, meinte Oksana.
Maria schwieg. Auch Oksana schwieg.
Hust, hust, räusperte sich Maria. Aber warum bitteschön die ganze geheime Aktion? Wieso sollte ich ins Theater kommen?
Ich wollte dir einfach persönlich das Geld zurückgeben, das ich für die Geschenke bekommen habe damit du es direkt an deine Eltern weiterreichst. Würde ich es denen geben, käme Karl wieder irgendwie drumrum. Die sind ja zu weich bestenfalls gibts einen Zeigefinger.
Welches Geld?, blickte Maria verständnislos.
Na, für die ganzen Präsente. Ich habe Karl immer genau gesagt, was mir angeblich gefällt und in welchem Laden und der Geschäftsführer ist ein alter Freund. Wir hatten unsere Abmachung.
Oksana drückte Maria einen dicken Umschlag in die Hand.
Hier, die Übersicht über alles und die Preise. Magst du nachzählen?
Maria winkte ab.
Nicht nötig, ich glaube dir. Aber wie hast du dich so perfekt in diese graue Maus verwandelt?
Oksana lachte herzhaft:
Kinderspiel ich bin Schauspielerin!
…
Oksana hielt Wort und trennte sich von Karl. Ob das für ihn ein Schock war? Vielleicht. Maria wusste es nicht genau.
Klar, er versuchte anschließend wieder, sich bei den Eltern durchzuschnorren. Die Mutter bekam sofort Herzklopfen, der Vater wurde laut.
Schau dir an, was du aus deiner Mutter gemacht hast!, schrie er. Raus mit dir! Such dir ne Wohnung und werd erwachsen!
Karl stammelte, versprach, aber diesmal war der Vater unbeugsam: Raus, und zwar sofort! Sogar die Mutter versuchte ihn nicht aufzuhalten.
Karl packte bockig seine Sachen, telefonierte wild herum und stapfte tatsächlich aus der Wohnung. Vermutlich dachte er, alle würden ihn bitten zu bleiben aber es sagte niemand ein Wort.
Der Vater murmelte nur noch: Wir müssen das Schloss austauschen.
Dann schaute er Maria an: Du Mitleid verbietet sich! Und lass ihn ja nicht mehr rein!
Den Umschlag mit dem Geld gab Maria tatsächlich ein paar Tage später den Eltern. Ob sie sich wirklich freuten, wusste sie nicht aber irgendwie fühlte sich alles ein bisschen leichter an.
Karl versuchte noch ein paarmal, wieder anzubandeln die Eltern blieben hart. Maria sprach ab und zu mit ihm, aber selten, weil er immer über sein Leben jammerte. Sie fragte sich: Hatte Oksana wirklich was erreicht? Konnte man sich überhaupt ändern oder bleibt man am Ende doch, wie man ist, egal, wie sehr das Leben einem auch Feuer macht?