Koffer ohne Griff – Ein Gepäckstück, das man nicht tragen, aber auch nicht wegwerfen kann

Koffer ohne Griff

Was fehlt dir denn noch? Wir leben doch schon zusammen. Warum brauchst du das alles? Hast du jetzt Lust auf einen Ring und einen Eintrag im Familienbuch bekommen? Ist das wichtiger als meine Liebe? Wichtiger als all das, was ich sage und für dich tue? Benedikt wurde immer lauter, während Annika vorsichtig das Bügeleisen auf die Ablage stellte, in der Angst, ihr Geduldsfaden könnte gleich reißen.

Ich habe doch gar nichts von Ringen oder Formalkram gesagt. Ich habe einfach gefragt wie gehts weiter? Benni, wir leben schon fast sechs Jahre zusammen.

Und? Es gibt jede Menge Leute, die ihr ganzes Leben so verbringen. Ohne den ganzen Verpflichtungskram. Ganz frei lieben, ohne Rücksicht auf irgendwen. Was interessiert einen das Gerede der anderen? Und überhaupt wem bringen diese albernen Formalitäten denn was? Mir wohl kaum. Und dir?

Annika, spürend, wie die Tränen nahen, hängte Benedikts letztes Hemd in den Schrank und verließ schweigend das Zimmer.

Es war nicht ihr erstes Gespräch über das Thema, doch Annika hätte es am liebsten nie führen wollen. Das erste Mal war mit einem riesigen Streit und einer halbjährigen Funkstille geendet. Sie hatte sich damals fast abgefunden, dass alles vorbei war. Beziehungsklärungen hasste Annika, sie konnte sie auch nie führen. Das Vertreten ihrer Wünsche hörte spätestens auf, wenn die Tränen, die stets unangekündigt kamen, ihre Kehle zuschnürten. Schon als Kind war sie eine Heulsuse gewesen. So wie andere über einen Fingerzeig lachten, flossen bei ihr Tränen über jede Kleinigkeit. Woher dieses merkwürdige Talent rührte, wussten weder sie noch ihre Eltern. Die Mutter war oft genervt, wenn sie versuchte, ihre Tochter zur Vernunft zu bringen, während der Vater sie in den Arm nahm:

Ach, mein Tränchen! Bald brauchen wir keine Blumen mehr zu gießen, dann reicht es, wenn ich dich rufe, was? Was bedrückt dich denn jetzt schon wieder? Wer hat dich geärgert?

Die Antwort konnte dauern. Und stellte es sich heraus, Annika weinte diesmal, weil sie eine von der Mutter in der Küche erschlagene Fliege bedauerte, die vielleicht Kinder hatte, brach das Lachen der Eltern erst richtig los und Annika heulte dann ernsthaft, vor lauter Empörung. Wie konnte man sie nur so missverstehen!

Mit den Jahren hörten die dummen Tränen-Gründe auf, aber das Weinen blieb. Bücher, Filme, rührende Momente auf der Straße: Annika konnte jederzeit losheulen, wenn sie jemanden sah, der einer Oma über die Straße oder ein Kätzchen vom Baum half. Einfach, weil es sie berührte.

Genau in so einem Moment, Annika blickte durch einen goldenen Oktoberregen auf den Park, sah Benedikt sie.

Benedikt war ein rauer Typ. Kein Wunder: Drei ältere Schwestern und Mutter und Oma zusammen taten alles, damit aus ihm ein richtiger Mann werden sollte. Und: Männer weinen nicht! Das stand für die Familie fest. Schon als Kind bekam Benni eingetrichtert, dass nur Mädchen so was tun und selbst die klugen nicht. Die setzen sich einfach durch, wenn sie sich, oder kleine Brüder, verteidigen müssen. So wie seine Schwestern, die ihm regelmäßig die Hauer vom Leib hielten. Im Kindergarten fiel das niemandem auf, in der Schule aber schon, und Benedikt verlangte, endlich zu Ringen oder, wenns sein muss, zu Judo zu dürfen. Karate hätte es auch gegeben, aber das war das Revier der Schwestern und dahin wollte Benni dann doch lieber nicht.

Die Schwestern kicherten, verstummten aber, als die Oma einschritt:

Wie soll der ein Mann werden, wenn ihr drei Furien dauernd für ihn kämpft? Wann lernt er, für sich selbst einzustehen, wenn ihr alles übernehmt? Schämt ihr euch gar nicht?

Die Schwestern liebten ihren kleinen Bruder, also gaben sie Ruhe und Benedikt lernte, selbst hinzufallen und wieder aufzustehen. Nach ein paar blutigen Nasen und gebrochenen Armen gehörte er bald in der Schule dazu die Schwestern ließen ihn nun in Ruhe.

Als er verstand, dass Frauen keineswegs das schwache Geschlecht sind, war Benedikt fasziniert, als Annika auf seine Frage, ob sie jemand geärgert habe, nur den Kopf schüttelte und sagte:

Es ist einfach so… schön.

Das reichte. In Annika erkannte Benedikt kein Abbild seiner kämpferischen Schwestern, sondern ein zartes, ganz eigenes, Wesen.

Er mochte alles an ihr: Ihre ruhige Stimme, die niemals in ein Geschrei umkippte wie zu Hause. Ihr leises Lachen wie Glasperlenspiel, rar und verdient. Ihren feinen, eigensinnigen Humor, den er oft erst spät verstand.

Ich bin wie eine Giraffe ich check das meist erst am dritten Tag! Benedikt lachte los über Dinge von gestern, Annika hob nur die Brauen. Na, jetzt habe ichs verstanden!

Sie waren gern zusammen. Als Benedikt parallel zum letzten Semester seine Stelle antrat, zogen sie zusammen trotz heftigster Einwände von Annikas Eltern.

Annika! Das ist nicht richtig!

Was denn, Mama? Wir lieben uns. Was soll daran falsch sein?

Karin, ihre Mutter, schaute ihrer Tochter beim Packen zu, elegant faltete Annika ihre Blusen und Röcke, von denen sie immer viel mehr als Jeans besaß. Turgenjew-Mädchen, dachte Karin unwillkürlich und fröstelte, griff dann entschlossen nach Annikas T-Shirt-Stapel.

Falsch ist, wenn du zum Koffer ohne Griff wirst.

Wie meinst du das? Annika erstarrte, das Shirt blieb unter Karins Hand.

Weißt du, was, Annika? Was, wenn Benedikt irgendwann genug hat von eurer kleinen Familie? Ohne Verpflichtungen ist er schnell wieder frei. Und du? Du bist dann zu schade für den Müll, aber zu schwer, um dich weiterzuschleppen. Koffer ohne Griff eben: Zu schwer, um ihn zu tragen, zu schade für den Sperrmüll.

Annika umarmte sich selbst und dachte nach.

Aber Mama, Leute lassen sich doch auch offiziell scheiden. Was macht dann der Trauschein Unterschied?

Ich weiß nicht, Liebes. Mir schien immer, ein Mann, der dich wirklich will, übernimmt Verantwortung für dich, für seine Familie. Aber ich bin vielleicht altmodisch… Heute ist es Trend geworden, ohne Verpflichtung zu leben, als würde das Leben ewig dauern. Ich weiß nicht, Annika. Aber als Mutter tut es mir weh, dass du heimlich ausziehst mit Koffer, statt zum Mendelssohn-Marsch.

Annika umarmte Karin schweigend, legte ihr Gesicht an den mütterlichen Hals sie wollte nicht zugeben, wie sehr sie sich verletzen ließ. Benedikt hatte nie gesagt, dass er sie heiraten will nicht jetzt, nicht mal irgendwann. Darüber hatte man nie gesprochen.

Ich bin so gern mit dir! Benedikt, der sie zur U-Bahn brachte, küsste Annikas Stirn. Schon die Vorstellung, dass ich gleich allein nach Hause fahren muss und dich einen ganzen Tag nicht sehe furchtbar! Wären wir zusammen, müssten wir uns nie mehr trennen. Keine Angst, meine Schwestern zu stören. Die dürfen machen, was sie wollen, und ich?

Wieso?

Ich bin der Kleine! Benedikt zog schuldbewusst ein schiefes Lachen. Immer unter Beobachtung, falls mir jemand weh tut.

Ich zum Beispiel?

Naja. Sie finden dich wohl okay, aber sicher sind sie nicht. Vorsicht wie die Kobra: Schön und klug, aber gefährlich.

Da hast dus gut mit Schwestern!

Kann abgeben! grinste Benedikt, als er Annikas Nasenspitze küsste.

So endeten die Gespräche meist. Doch dann bekam Benedikt seine erste Lohnabrechnung und stürmte mit Neuigkeiten ins Zimmer.

Mein Onkel, erinnerst du dich? Der geht wieder für ein Jahr ins Ausland und überlässt uns seine Wohnung! Er will nicht untervermieten, keine Fremden aber wir! Ich soll auf sein Haus und, ja, den Hund aufpassen. Aber das ist doch nichts, oder?

Annika war unschlüssig. Die Wohnung war verlockend, aber Benedikt schwieg über das, was dabei gedacht war. Bald merkte sie: Da war nichts zu denken. Für Benny war Zusammenziehen einfach Zusammenziehen. Mehr nicht.

Sie zogen also unter Benedikts Onkels Dach. Abends liefen sie mit dem englischen Bulldoggen Karlchen um den Block, kochten, lachten, teilten sich die letzte Brezel. Sie lebten einfach ohne Folgen.

So ging das ein Jahr, dann zwei, dann drei. Langsam begann Annika, öfters zu den Eltern zu fahren. Die alten Schulfreundinnen schoben Kinderwägen. Annika wusste, ihr fehlt etwas. Was, wusste sie zuerst selbst nicht. Keine große Hochzeit, nein. Aber als sie sah, wie Olga, ihre Banknachbarin von damals, den Ehering drehte und über den Mann schimpfte, wurde Annika klar: Genau das will sie auch ihn zeigen können: Und das ist meiner! Über liegengebliebene Socken motzen und eine Tasse im Spülbecken. Und auf das Baby zeigen:

Ganz der Papa! Von mir nix! Ist ja fast unheimlich, so eine Ähnlichkeit!

Mit Liebe sagen, das wäre dann endlich der Sinn mein Sinn. Altmodisch, aber richtig.

Doch Benedikt verstand sie nicht.

Wozu der ganze Aufwand? Monate für eine Hochzeit sparen, um 50 Leute zu füttern, die wir nie mehr wiedersehen, dann alberne Spiele und Knutschen wenn die Verwandten Bitter! brüllen? Das willst du?

Nein! Annika kämpfte mit den Tränen. Ich will einfach, dass wir füreinander mehr sind als nur WG-Mitbewohner!

Du bist mein Leben, Annika! Reicht das nicht? Benedikts Verwirrung ließ sie verstummen.

Das heutige zweite Gespräch verletzte Annika tief. Sie leerte in der Küche zwei Gläser Leitungswasser und lauschte Karlchen, der im Schlaf schnarchte.

Er war treuer Zuhörer, wenn Annika klagen wollte, ohne kluge Ratschläge befürchten zu müssen.

Jetzt setzte sie sich zu ihm auf den Boden, kraulte seine Ohren und lächelte traurig, als er nieste:

Na, Karlchen, dir gehts gut Ich hab keine Ahnung, was ich will, erklärs immer so, dass er mich nie versteht. Komplett bescheuert, oder?

Karlchen legte seinen massigen Kopf auf ihre Knie und grunzte im Takt ihres Atems. Annika strich seinem Fell entlang, in ihr wuchs der Unmut.

Warum muss immer sie erklären und bitten? Wieso hatten sie die Rollen irgendwann getauscht? Oder waren diese Plätze längst festgelegt worden?

Bin ich überhaupt ein Mädchen?! Annika haute sich wütend gegen das Bein, Karlchen bellte erschrocken. Verzeih, Süßer! Aber ich glaub, ich lasse dich bald zurück.

Annika hatte sich selbst noch unerklärlich einen Entschluss gefasst, stand auf und ging ins Schlafzimmer. Dort schlief Benedikt schon. Annika schaute lange auf ihn, um zu spüren, ob ihre Entscheidung richtig war. Dann leise der Koffer, und Sachen hinein.

Die Eltern waren natürlich aufgeregt, als sie nachts heim kam, doch fragten sie nicht lange. Die Mutter brachte heiße Milch, was erneut einen Wasserfall an Tränen auslöste, und deckte sie zu wie früher.

Mama

Ja? Karin blieb im Türrahmen, sah Annika verheult liegen.

Ich will kein Koffer mehr sein

Dann sei es nicht! Wer zwingt dich?

Ich lieb ihn halt

Ach, mein Kind Karin setzte sich ans Bett und nahm ihre schmale Hand. Weißt du, als du klein warst, wolltest du immer Prinzessin werden. Im Turm sitzen, Zöpfe raus, den Prinzen erwarten. Der Gürtel von meinem Morgenmantel erinnerst du dich? war die Zopffrisur.

Annika schmunzelte. Damals wickelte sie Mamas Bademantelgürtel mit Bändern, nahm Mamas Pumps und das Stück Tüll, das einmal als Kinderwagen-Vorhang diente, dann zur Prinzessinnen-Ausrüstung wurde. Sie kletterte aufs Sofa, baumelte mit dem Zopf und wartete.

Und dann meinte Oma mal, Prinzen gäbe es eh zu wenige, besser wäre es, einen netten Jungen zu haben, der dich liebt und beschützt. Da hast du beschlossen, doch lieber nicht mehr zu warten und dein Prinz sollte sich beeilen. Weißt du das noch?

Annika kroch aus dem Duvet, umarmte die Mutter.

Willst du sagen, ich soll einfach nochmal nachdenken? Ob ich den richtigen Prinzen gehen lasse?

Das hast du gesagt, nicht ich. Aber mir gefällt der Gedanke. Karin küsste Annika, strich ihr durchs Haar. Ich möchte, dass du glücklich bist. Und wenn dieser Prinz das nicht schafft, dann… such einen anderen.

Annika wusste keine Antwort. Ihre Stimmung schwankte wie ein wilder Jahrmarkt. Eben noch geweint, gleich darauf schon wieder gelacht.

Sie flüsterten noch lange, um den Vater nicht zu wecken. Mit der Gewissheit, daheim geliebt zu werden, schlief Annika endlich ein, während ihre Mutter noch ein paar Stunden Schlaf holte. Annika, die einen freien Tag hatte, verschlief bis mittags, kochte sich Frühstück (Diät vergessen), kauerte mit dem warmen Plaid auf die Couch und beschloss, jetzt ordentlich zu heulen, solange keiner zu Hause war. Sie rief sich das Schöne mit Benedikt ins Gedächtnis doch die Tränen kamen nicht, die Gedanken galoppierten dafür immer wilder. Da stoppte sie sich ganz wie ihr Vater:

Nur Dummköpfe denken sich reich, Annika! Hör auf! Sonst verrennst du dich noch. Weg ist weg. Bringt nichts, zu grübeln, was man hätte tun sollen. Wird ja nichts mehr anders.

Mit diesem Gedanken, den sie laut aussprach, klingelte es an der Tür.

Sie wollte nicht aufmachen. Hatte Angst würde Benedikt wieder stehen, gäbe es wieder Streit, Versöhnung, und alles ginge von vorne los. Schon wieder Gespräche ohne Folgen, nichts würde sich ändern. Und das schmerzte verdammt nochmal! Egal wie tough man tut, jedes Mädchen träumt, insgeheim, vom Märchen. Von Liebe, einer starken Schulter, einer Hand, die sie hält ganz egal, ob dabei der Zopf bis zum Boden reicht.

Annika zögerte, dann entschlossen zur Tür. Sie öffnete und verschlug sich die Sprache.

Alle drei Benedikt-Schwestern hatten sich versammelt. Die Älteste mit Baby auf dem Arm.

Hallo! Uns hat’s erwischt! Wo hast du das Bad? Marie, die Älteste, reichte das schreiende Kind weiter und verschwand samt Notstand.

Dora und Lisa drückten Annika schwere Einkaufstaschen in die Arme und marschierten schnurstracks in die Küche:

Eltern daheim? Gut!
Du hast frei? Perfekt!

Im Nu war der Tisch gedeckt; Annika wurde hingesetzt, Marie gerufen, dann die feierliche Verkündung:

Wir sind gekommen, dich zu fragen! Der Trottel hat’s verbockt, unser Bruder. Willst du die Schwägerin sein?

Annika staunte.

Und er selbst?

Der hat Muffensausen. Nach seinem gestrigen Familientalk traut er sich nicht. Wir haben ihm heute ordentlich den Kopf gewaschen. Marie machte es sich mit dem Baby bequem und seufzte: Ach, was ist Erziehen für eine Plage! Ich wollte immer wie Fräulein Rottenmeier sein. Pragmatismus und Konsequenz. Wo kriegt man das bloß her?

Wozu denn? Dora tauschte Kind gegen Sektglas.

Man kann nie wissen. Wenn der Kleine mal auch so ein Rolling Stone wird! Freiheit will er soll er mal Papa sein! Dich, Annika, beneide ich um deine Geduld. Ich wäre längst weg gewesen. Warum hast du so lange ausgehalten?

Weil ich ihn liebe, den Eumel! Annika schob das Glas von sich.

Warum trinkst du nicht?

Weiß noch nicht, ob ich darf

Drei riesige Augenpaare blickten Annika an.

Ehrlich?

Annika lächelte zaghaft, zuckte die Schultern:

Ich weiß noch nicht genau

Aber du hoffst? Marie blinzelte. Annika nickte. Darauf muss man anstoßen! Mädels, ich werde Tante!

Kling, die Gläser trafen sich, Annika weinte los.

Was ist? Dora fuchtelte mit einem Wasserglas.

Während sie rief, wurden zwei Gläser gereicht. Marie drückte Annika auch noch das Baby in den Arm.

Gewöhn dich dran! Und Schluss jetzt mit Heulen du lässt ihn sonst noch fallen!

Annika hörte auf zu weinen, das Baby in ihren Händen, den weichen Kinderduft in der Nase:

Marie Ist Kinderkriegen furchtbar?

Ach was. Nachher wirds schwer am Anfang ists sogar schön. Hauptsache, Benny nimmt dich ernst. Lass ihn ruhig spüren, was es heißt, Mutter zu werden!

Wie das?

Wünsche äußern! Heute Gurke, morgen Mango das hält ihn auf Trab. Am Ende isst ers eh selbst. Hauptsache, er bleibt dran. Schwangerschaft ist Knochenarbeit, das muss er spüren.

Mann Annika schniefte, Lisa nahm ihr das Kind ab. Und wo ist mein Mann? Mal ehrlich Da gibts grad nicht mal nen Verlobten

Wird schon! Marie zwinkerte den Schwestern zu. Warum weinst du jetzt?

Weil ich kein Koffer sein will

Ach, der Koffer ohne Griff Dora lachte. Mütter sind überall gleich! Deine hat dich doch gewarnt VOR dem Zusammenziehen?

Ja

Mütter haben eben recht, Annika! Marie schwenkte das Baby. Unsere sagte immer: Gehen wir, dann bleiben wir draußen fertig! Nicht für den Spaziergang zieht sie uns groß. Und immer mit Kopf entscheiden! Sonst wirst du getestet, aber nicht genommen, wie in diesen schlechten Witzen übers Heiraten. Verzeih, Annika ist halt so.

Marie linste zum Fenster:

Abfahrt! Offizielle Verstärkung im Anmarsch!

Benedikt begegnete den Schwestern auf der Treppe, wich drei ausgestreckten Fäusten aus, schickte einen Luftkuss nach oben.

Noch einmal und du bist fällig! zischte Marie, das Kind fester haltend, trampelte davon.

Natürlich vergab Annika ihrem hilflosen Liebsten. Doch sofort heiraten wollte sie (noch) nicht sie bat um Bedenkzeit. Die Schwestern lachten sich darüber krumm.

Unsre Annika ist eine von uns! Die muss man nehmen!

Annikas Zweifel waren unnötig: Der gemeinsame Sohn kam zwei Jahre später, mehr als die Hälfte der Zeit davon zweifelte Annika weiter, ob das nun ihr Glück ist oder doch woanders eins wartet. Sie gab sich weiter streng, doch als Benedikt ihr einen Ring schenkte, freute Annika sich so herzlich-ungeschminkt, wie damals, als er sie unter bunten Herbstblättern atemlos betrachtet hatte.

Die Hochzeit im kleinsten Kreis, nur Eltern und Schwestern, kein Zirkus, keine Gästemengen. Das ursprüngliche Sparkonzept für das große Fest wurde beerdigt, als Annika, im Badezimmer vorm Spiegel, strahlte und rief:

Ich will!

Verschlafen blinzelte Benedikt:

Sicher?

Mhm Meinst du, die Ersparnisse reichen für die Anzahlung fürs eigene Zuhause?

Ernsthaft?

Annika nickte, dann sah sie ihn fest an:

Wir sind erwachsen. Bald Mama und Papa. Da brauchen wir ein eigenes Nest aber

Was denn?

Karlchen bleibt! Wenigstens einen Mann muss ich im Haus haben, der weiß, was ein Pickwick-Club ist, und mir hilft, mit dem Stress klarzukommen.

Glaubst du denn, es wird so anstrengend?

Lass uns Marie fragen, die weiß das sicher!

Benedikt seufzte, und Annika lachte zum ersten Mal so laut und hell, dass aus der Küche Karlchen bellte erstaunt über das neue Geräusch in seinem Traumhaus.

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